„Anton fert in die Schuhle“ aushalten – über Hausaufgaben

„Anton fert in die Schuhle“ aushalten – über Hausaufgaben

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Die Schule hat längst wieder begonnen und damit tauchen in der Praxis wieder gehäuft Fragen dazu auf, eben auch zu Hausübungen. Gerade in der Volksschule ein trending topic, später hat man sich wohl daran gewöhnt. Aber auch ein Thema, welches bei den meisten nicht gerade die lustigsten Speicherungen im Körper triggert, geht es doch um eine Verpflichtung, die man sich nicht wirklich selber aussucht. Das Wort „Hausübung“ fühlt sich im Körper einfach nicht so gut an – verglichen mit „Popcorn“ 😉 Es bringt auch eine Reihe von Zündstoff mit sich und wirft so manche Frage auf.
Die Idee wäre ja (sogar im Schulunterrichtsgesetz festgeschrieben), dass die Kinder die Hausübung selbst erledigen. Die Realität sieht häufig aber anders aus, laut Umfragen greift fast die Hälfte der Eltern ihren Sprösslingen unter die Arme. Dabei geht nicht nur Zeit, sondern so mancher Nerv verloren. Und vollkommen unbeabsichtigt auch viel Selbstvertrauen beim Kind, dazu kommen wir gleich.
In der Praxis tauchen diese Fragen oft auf:

  • Soll man neben dem Kind sitzen?
  • Soll man sie kontrollieren und ausbessern?
  • Was tun, wenn sie nicht wollen?

Es gibt natürlich gar keine einfache Antwort, die hier für alle gilt. Ein paar Sachen kann man aber beachten, dann geht’s bedeutend leichter.
Je nach Alter haben Kinder ein anderes Zeitgefühl, meistens aber gar keines oder ein mässig ausgeprägtes. Unsere Aufgabe ist es also, uns um Zeit und Raum zu kümmern – dabei kann man das Kind auch fragen, wann es die Hausübung lieber machen möchte, jetzt gleich oder in einer Stunde zum Beispiel („jetzt gleich“ sollten wir nicht als Antwort erwarten 😉 ). Die ausgemachte Zeit gilt dann aber. Und dann lassen wir sie mal selber tun, doch das ist nicht immer so einfach wie es klingt.

 

Was haben WIR denn heute auf?

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So wie wir für unsere Erledigungen und unseren Job verantwortlich sind, so ist das Kind für die Hausübung verantwortlich. Die Lehrkraft hat die Aufgabe erteilt und solange wir nicht explizit von ihr einbezogen worden sind, ist es eigentlich eine Sache zwischen LehrerIn und Kind. Da haben wir im Grunde nichts zu sagen, wenn man es genau nimmt, nur dass schweigen oder nichts tun nicht immer das Einfachste sind. Einfach zuschauen wenn das Kind nicht will? Nichts sagen, wenn man die eklatanten Fehler schon sieht?! Im Prinzip ja. Denn das Kind sollte sich dann in der Schule verantworten können und die Konsequenzen sehen – im Guten und im Schlechten. Macht es die Hausübung nicht, wird die Lehrerin sicher nicht besonders glücklich sein. Macht es sie richtig, dann wird es gelobt – und das Lob gehört voll und ganz dem Kind und nicht uns.

Ja, natürlich wissen wir vieles besser, aber die Aufgabe hat die Lehrerin aufgegeben, nicht wir. Deshalb sollten wir nicht als Hilfslehrer in Erscheinung treten, Seiten ausreißen, dem Kind befehlen alles noch einmal zu schreiben oder – der absolute Hammer: Die Hausübung für das Kind schreiben. Kein Scherz, in meiner Schulkind-Mama-Karriere selbst erlebt. Wir mögen es als Erwachsene ja auch nicht, wenn jemand daneben sitzt, während wir etwas schreiben und jedes Wort sofort bewertet. Oder sich räuspert, wenn wir uns verrechnet haben.

Aus Liebe und Hilfsbereitschaft wollen wir vielleicht manchmal zu viel des Guten und übernehmen einen Teil der Aufgabe und einen großen Teil der Verantwortung. Helfen hier, zeigen da einen Fehler, bessern es aus, ohne danach gefragt zu werden. Nur damit sich unser Sprössling leichter tut (denken wir zumindest). Das Blöde daran: Je mehr WIR helfen, desto weniger Erfolg hat dann das Kind. Es gibt die richtige Aufgabe in der Schule ab und wird dann gelobt. Aber das Lob fühlt sich nicht so ganz gut an, denn irgendwie wird ja die Mama gelobt, dass sie es geschafft hat, 2 und 2 richtig zu rechnen (in meinem Fall wäre das wirklich ein Lob, weil Rechnen nicht zu meinen Talenten gehört). Es war nicht die eigene Leistung und das macht nicht wirklich Spass. Denn die Anstrengung war ja da, aber der Erfolg irgendwie mau, denn man hat es ja nicht selbst gemacht. Wenn dem Kind die Verantwortung abnehmen, nehmen wir auch den Erfolg weg. Und das ist nicht gerade motivierend.

Ich trau’s dir zu

Wir können unseren Kindern durchaus einiges zutrauen und ihm nicht unsere Unsicherheiten in den Weg stellen. Natürlich Schritt für Schritt und wenn es Hilfe braucht, dann soll es immer unserer Unterstützung sicher sein. Nur dass wir nicht die alleinige Obrigkeit darüber haben, wann das Kind unsere Hilfe braucht. Da darf das Kind ruhig was dazu sagen. Wenn wir uns aber mehr Sorgen um die Schularbeit machen als das Kind, dann läuft etwas falsch. Wir senden auch ein wenig die Botschaft: „Ich glaub du kannst das gar nicht.“
„Hast eh schon gelernt?“ „Das muss aber genauer sein!“ „Komm, ich prüf dich ab, ob du es eh kannst“ – man braucht sich nur verdeutlichen, wie gerne wir denn solche Sätze hören würden, nur eben auf unsere Lebenssituation bezogen. Und oft haben diese Sätze in unserer Geschichte ihren Ursprung. Wenn wir selber Perfektionisten sind, wie schwer ist es dann, ein Kind mit zwei verschiedenen Socken und einer total fehlerhaften Hausübung in die Schule zu schicken? Doch wofür WIR uns schämen ist eigentlich unsere Sache. Wir greifen auf unsere Erfahrungen zurück und hier liegt meist das Problem. Die Informationen in unserer Datenbank sind schon vollkommen veraltet – das Kind sieht die Welt anders. Unsere Angst, dass nichts aus ihm wird, ist genau das: unsere Angst. Abgesehen davon, was es eigentlich werden sollte und welche Vorstellungen wir davon haben. Soll es später Karriere machen? Was bedeutet das eigentlich? Oft nichts anderes, als ein von anderen angesehener, aber burnout-geplager CEO einer großen Firma werden. Klingt toll.

Wir machen das schon…öhm ich mach das…

Die Hausübung gehört dem Kind, nicht uns. Wenn wir also aufgeben und loslassen, kommt das Kind erst zum Zug.
Wenn das Kind nie weiß, was der Lehrer eigentlich als Hausübung aufgegeben hat und wir kümmern uns jedes Mal darum, in der Angelegenheit nachzutelefonieren, dann brauchen wir uns auch nicht wundern, dass das Kind diese Linie weiterfährt. Und am nächsten Tag wieder nicht weiß, was auf ist. Denn es muss die Konsequenz ja nicht tragen, die Mama ruft ja eh eine andere Mama an, alles erledigt, ich kann weiter vor mich hinträumen. Warum sollte es etwas ändern, wenn es doch wunderbar läuft? Natürlich darf man mal etwas vergessen, wenn wir also ab und zu bei anderen Eltern nachfragen müssen, ist es vollkommen OK. Das Kind soll ruhig wissen, dass die Welt nicht untergeht, wenn man mal etwas vergisst. Wenn wir ihm die Verantwortung aber nicht lassen können (und zwar nicht nur in Worten, es muss es auch spüren), dann dürfen wir uns nicht beschweren, wenn wir für alles verantwortlich sind.

Ist die Lehrerin deppert!?

Wenn wir finden, dass die Hausübung zu schwer oder zu viel ist und uns wundern, was sich die Lehrerin dabei gedacht hat – dann sollten wir sie am besten direkt unter vier Augen danach fragen. Wenn wir uns vor dem Kind über die Hausübung beschweren, macht es die Aufgabe nicht wirklich leichter. Denn die ist ja immer noch zu erledigen, aber fühlt sich noch schwerer an als vorher.
Ob wir persönlich die Lehrkraft sympathisch / kompetent / deppert finden oder nicht, hat bei der Hausübung nichts verloren. Die ist einfach eine „emotionslose“ Aufgabe und das Kind sollte nicht zwischen die Fronten geraten – denn es will uns gegenüber loyal sein und der Lehrerin / dem Lehrer auch. Wenn wir also über die Hausübung schimpfen, hilft das nicht wirklich weiter.

Nicht zum Aushalten

Wenn ich die oben genannten Infos weitergebe, dann kommt oft gleich die Frage: „Aber was, wenn er Fehler macht?“ „Wenn er sie nicht erledigt?“ Und das ist tatsächlich eine gute Frage. Was macht das mit uns, wenn unser Kind Fehler macht? Wenn es vergessen hat, was auf ist und dann ohne erledigte Hausübung in die Schule gehen müsste?

  • was für ein Gefühl drängt mich dazu, die Kontrolle behalten zu wollen?
  • wie würde es sich anfühlen, wenn die Hausübung falsch abgegeben wird und die Lehrkraft unzufrieden?
  • übertrage ich meinen Anspruch / meinen Perfektionismus / meine Art Dinge zu erledigen auf mein Kind?
  • Was steckt hinter der Angst, dass aus dem Kind „nichts wird“?

Die Wahrheit ist da nämlich oft, dass es Papa oder Mama nicht aushält, wenn das Kind nicht mit einer perfekten Hausübung in die Schule geht. Wenn wir als Kinder erlebt haben, dass es bei fehlender oder schlechter Leistung Ablehnung, Strafen oder sogar eine Watsche regnen kann, dann ist das noch in uns gespeichert, auch wenn wir längst erwachsen und selber Eltern sind. Bei der Information „schlechte Leistung“ und „Kind“ gerät unser Gleichgewicht ins Wanken, die Erinnerungen an unsere Erlebnisse versperren uns den Blick auf die heutige Situation. Wir wollen unserem Kind das ersparen, was wir selbst erlebt haben und worunter wir gelitten haben. Dabei vergessen wir aber manchmal, dass wir trotz aller Nähe vielleicht vollkommen unterschiedliche Persönlichkeiten sind. Dann versuchen wir unsere eigenen Wunden über unser Kind zu heilen – und das ist nicht fair.

Der Erfolg des Kindes sollte der Erfolg des Kindes sein. Wenn wir uns über die Leistungen der Kinder definieren und zu viel mitfiebern, wenn unsere Laune davon abhängt, wie die Schularbeit gelaufen ist – dann übergeben wir wiederum dem Kind zu viel Verantwortung. Das Kind hat ja wegen der Prüfung sowieso schon Stress genug, es will sie ja prinzipiell gut bestehen. Wenn aber noch der Stress dazukommt, dass die Mama ja unglücklich sein wird, wenn es nicht klappt, dann ist es eine sehr, sehr schwere Prüfung. Das Kind soll ruhig wissen, dass unsere Welt nicht untergeht, wenn die Prüfung schief läuft. Diese kleinen Hürden zu überwinden ist zwar mühsam, schafft aber auch Selbstvertrauen

 

Egal welches Verhalten, es macht immer Sinn…

Kinder machen uns alles nach, nur eben nicht 1:1, sondern manchmal in einer etwas anderen Form. Wenn wir an unsere Verpflichtungen mit viel Gemeckere herangehen und dem Kind vorleben, dass Arbeit nur mühsam ist, dann wird es die Schule wohl auch mit dieser Brille sehen.
Kinder sind Teil unseres Familiensystems, sie machen es also oft so wie wir. Manchmal wollen sie aber durch ihr Verhalten unbewusst etwas erreichen.
Einmal hatte ich ein sehr intelligentes Mädchen bei mir in der Praxis, das aber Probleme in Deutsch hatte. Die Eltern waren getrennt, das Kind lebte bei der Mama, die aber aus einem anderen Land kam. Also musste der deutschsprachige Papa die Deutsch-Nachhilfe übernehmen. Trotz aller Mühen wurde die Deutsch-Note aber nicht wirklich besser. Bald kamen wir zur Lösung: Das lag schlicht und ergreifend daran, dass die schlechte Deutsch-Note dem Mädchen den Kontakt zum Papa garantierte. Denn da musste er sich ja Zeit nehmen. Sobald die Papa-Zeit einfach so garantiert war, ging es in Deutsch auch besser. Davor hatte das Kind einfach etwas davon, eine schlechte Note zu haben.

Manchmal steckt noch eine belastende Erfahrung zwischen dem Kind und dem Schul-Erfolg. Dann gilt es, sich diese anzusehen, damit es sich nicht noch mehr verschlimmert. Denn wenn Angst eine Rolle spielt, dann kann unser Gehirn einfach nicht gut lernen und aufnehmen. In Panik lernt man einfach nicht so gut und kann auch seine Leistung nicht abrufen.

Bei schwierigeren Fällen, wenn das Kind gar nicht will und sich gar nichts bewegt, dann ist es oft eine gute Idee sich nach dem Sinn zu fragen. Was hat das Kind davon, dass es das tut? Drückt es so seine Wut über etwas anderes aus, wie in einem etwas unpraktischen Rachefeldzug? Hat es nur so meine ungeteilte Aufmerksamkeit? In einem ruhigen Moment kann man das sogar das Kind selbst fragen, es sollte aber in angenehmer Atmosphäre sein und nicht gerade mitten im emotionalen Vulkanausbruch (siehe Buchtipps am Ende).

Buchtipps zur Kommunikation mit Kindern:

  • Achtsame Kommunikation mit Kindern von Daniel J Siegel und Tina Payne Bryson
  • Familienkonferenz: Die Lösung von Konflikten zwischen Eltern und Kind von Thomas Gordon

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